Es hätte so schön passen können. Beinahe ein Jahr nach der Auslieferung von Visual Studio 2005 präsentiert Microsoft den Nachfolger (zur Erinnerung, wir reden wieder einmal von „Visual Studio Orcas“), sodass man relativ sicher davon hätte ausgehen können, dass uns im Herbst 2007 oder vielleicht im Frühjahr 2008 ein neues Visual Studio mit vielen schönen Neuerungen zur Verfügung steht: Komfortable Designer für WPF-Oberflächen, WC-Architekturen, WF-Workflows, Office 2007 Ribbons und für von Datenbanken komplett unabhängige Metadaten und vieles mehr. Genauso klar war, was dies für unsere Redaktionsplanung bedeutet hätte. Jede Menge Übersichtsartikel in den kommenden Heften, Insider-Berichte, Fortsetzungsserien, Sonderhefte, ausklappbare Poster und vieles mehr. Kurz gesagt – beinahe paradiesische Zustände.
Ein erster Blick auf die frühe Alpha, die bereits Ende September öffentlich freigegeben wurde, brachte schnell eine Ernüchterung. Nicht nur, dass der Download aus schier unglaublichen fünf GB bestand (die man dank einer 6-Mbit-DSL-Verbindung, die eigentlich eine 16er sein sollte, doch das ist ein ganz anderes Thema, noch relativ locker bewältigt). Das, was ein wenig vollmundig als „Orcas Preview“ bezeichnet wird, enthält nach außen nicht nur keine einzige Neuerung, es lief im Virtual PC unter einer 2.4 GHz-CPU mit 1.25 GB RAM auch mit einem solchen Schneckentempo, dass ich schnell die Lust verlor festzustellen, ob nicht doch noch die eine oder andere Neuerung irgendwo versteckt war. Wenigsten war die „Installation“ dank des bereitgestellten Virtual-PC-Image kein Problem und genauso schnell ließ sich das Ganze auch wieder vom Rechner entfernen. Außer Download-Spesen nichts gewesen? Nicht ganz, auch wenn die September-CTP nicht mehr als eine frühe Alpha sein soll (ich frage mich allerdings, für wen sie gedacht ist, denn die Unterstützung für WPF, WF und LINQ gab es bereits schon im Sommer in einer halbwegs brauchbaren Qualität), bleibt das unbestimmte Gefühl, dass bei Visual Studio im Moment ein wenig die Luft raus ist. Ein Grund ist sicherlich, dass VS 2005 nicht ganz so robust ist wie die Vorgängerversion und es in diesem Punkt noch einiges zu tun gibt (ein Service Pack steht bereits in den Startlöchern). Ein anderer, dass der Konkurrenzdruck früherer Jahre praktisch nicht mehr existiert. Beim einstigen Erzrivalen Borland ist zurzeit noch nicht ganz klar, wo die ausgelagerte Developer Group, die erst kürzlich auf die nette, ansonsten aber recht harmlose Idee kam, den Einstiegswerkzeugen wieder ein „Turbo“ im Namen voranzustellen, ein neues Zuhause finden wird. Die durchaus innovativen und in einigen Punkten sogar ein wenig überlegenen Alternativen SharpDevelop und X-Develop sind zu klein, um einen echten Innovationsdruck ausüben zu können. Und die „Wunder-IDE“ Eclipse ist vermutlich zu weit weg, als dass sie als „Bedrohung“ wahrgenommen werden würde.
Eine für alle – wie lange kann das noch gut gehen?
Ich frage mich daher, ob der Ansatz eine IDE für alle, vom Hobby-Programmierer bis zum großen Entwicklungsteam, eine Zukunft hat, und ob Microsoft nicht besser beraten wäre, auf der Basis eines gemeinsamen Visual-Studio-Kerns getrennte Produktlinien zu starten. Die Express-Familie für Hobbyisten, die Profi-Linie mit Unit-Testing-Unterstützung und einer eigenen Sourcecode-Verwaltung für alle „richtigen“ Entwickler und die Team Edition für, Sie werden es sich schon gedacht haben, für Teams und jene Situationen, wo die IDE auch dann nicht schlapp machen darf, wenn ein halbes Dutzend Projekte und mehr gleichzeitig bearbeiten werden sollen. Scheinbar nichts Neues, doch der entscheidende Unterschied wäre, dass sich die einzelnen Linien wirklich unterscheiden und nicht nur durch ein paar Menüeinträge und zusätzliche Vorlagen. Ich habe zwar meine Zweifel, dass der immense Kostendruck, dem auch Microsoft mehr und mehr ausgesetzt ist, den Luxus unterschiedlicher Produktlinien zulässt, die Entwickler würden davon mit Sicherheit profitieren.
Auch wenn Sie auf unser großes „Orcas-Special“ aus erwähnten Gründen wohl noch eine Weile warten müssen (mein Tipp ist nicht vor Ausgabe 4.07) heißt das natürlich nicht, dass bis dahin thematisch eine „Saure-Gurken-Zeit“ anbricht. Im Gegenteil, fehlende Vorabversionen sind stets eine hervorragende Gelegenheit sich mit anderen, höchst interessanten Themen zu beschäftigen. Wussten Sie etwa, wie elegant Sie per Instant Messaging Ihren Server steuern können, dass AJAX auch für mobile Webanwendungen Vorteile bringt oder wie Sie mit einem kleinen Add-on das Look & Feel von Office 2007 erhalten? Oder, dass das Open-Source-Projekt Mono nicht nur auf dem Papier interessant klingt, sondern bei einem großen, öffentlichen Projekt der Stadt München, bei dem rund 150.000 Benutzer und etwa 40.000 PCs involviert sind, bereits erfolgreich eingesetzt wird? Das alles und einiges mehr lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des dot.net magazin.
Wie immer eine informative Lektüre wünscht Ihnen,
Ihr Peter Monadjemi
Chefredakteur des dot.net magazin