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dot.net magazin - Editorial 11.2006

Harte Jungs und weiche Trends
Mit SOA (zur Erinnerung, das Kürzel steht für „Serviceorientierte Architektur“) hat sich nicht erst seit kurzem, sondern seit mehreren Jahren ein Konzept etabliert, das am Anfang von vielen (auch von mir) eher als eines der üblichen Modewörter abgetan wurde, das aber inzwischen mehr als eine CeBIT überlebt hat und (nicht nur deswegen) als ernsthafte Basis für Unternehmensanwendungen bezeichnet werden muss. SOA ist kein neues Programmier-Paradigma (sonst hieße es ja SOP), sondern ein Architekturkonzept für größere Software-Systeme. Die gute alte Objektorientierung bleibt uns also auf alle Fälle als Programmiertechnik erhalten. Ein Software-System stellt im Zeichen von SOA keinen monolithischen Block mehr dar, sondern eine mehr oder weniger lose Sammlung von Funktionalitäten, die als „Services“ (sprich im einfachsten Fall als C#-Methoden) angeboten werden.
Schön und gut, soll ich also nun meine Adressverwaltung als „Service“ anbieten, nachdem ich sie gerade erst auf Klassen umgestellt habe? Das zahlt mir doch kein Mensch. Dieser, zugegeben etwas konstruierte (beim Portieren von „Altlasten“ auf .NET aber öfter zu hörende und nicht von der Hand zu weisende) Einwand spielt auf ein weit verbreitetes Missverständnis an, das im Zusammenhang mit SOA jedem schon einmal unterlaufen sein dürfte. SOA ist weder an Web Services gekoppelt noch der „Nachfolger“ der objektorientierten Programmierung. SOA ist in erster Linie ein neuer Ansatz bei der Umsetzung großer Unternehmensanwendungen (die gute, alte Adresseverwaltung kommt auch in Zukunft ohne SOA aus, könnte aber andere Dienste, etwa eine Landkartenfunktion, nutzen, die von anderen Anwendungen als Service angeboten wird). Es wird auch in Zukunft kein .NET für SOA oder ein SOA-Toolkit geben (SOA hat auch nicht das Geringste mit SOAP zu tun, wenngleich sich beide Begriffe zum Verwechseln ähnlich sind).
SOA und Microsoft, das passte in der Vergangenheit scheinbar nicht zusammen (immerhin gibt es eine URL msdn.microsoft.com/architecture/soa/). Das lag aber nicht daran, dass Microsoft diesen scheinbar sehr wichtigen Trend ignoriert hätte. Der wahre Grund ist, dass man den Begriff nicht erfunden hat und nun nicht zu den zahlreichen Mitläufern gezählt werden möchte (damit hatte in Redmond beim Thema Web Services schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht). Dass sich SOA-Projekte auch in einer reinen Microsoft-Landschaft wunderbar realisieren lassen, macht ein Projekt der TH Karlsruhe sehr schön deutlich, das in dieser Ausgabe vorgestellt wird. Eine typische SOA-Anwendung basiert auf modernen Komponenten wie WCF, Workflow Foundation, SharePoint Server und gegebenenfalls auch BizTalk Server. Keine ganz preiswerte, aber mit Sicherheit eine robuste Lösung, die zudem perfekt in Visual Studio 2005 umgesetzt werden kann (dies kann ich mir in den „anderen Welten“, etwa mit der viel gelobten Eclipse-IDE, beim besten Willen nicht vorstellen).
Für eisenharte Jungs gibt es wieder Hoffnung
Echte „Jungs“ programmierten früher in C++, Lisp oder gleich Assembler. Dann kamen Sprachen wie Visual Basic, die zu einer nicht tolerierbaren Verweichlichung der in der Regel männlichen Akteure führten. Dumm nur, dass sich ein Projekt in VB etwa zehn Mal so schnell und damit um einiges preiswerter realisieren lässt wie in C++ und man es einem Projekt nicht ansieht, wie viel Schweiß und Tränen bis zum Rollout vergossen wurden. Jetzt gibt es für die eisenharten Jungs wieder Hoffnung mit Programmiersprachen wie IronRuby oder IronPython. Nicht nur die Namen klingen seltsam, die Programmiersprache mit ihren neuen Konzepten und Konstrukten ist es auch. Programmierer, die bislang mit Verachtung auf Visual Basic & Co herabschauten, von ihren sadistisch veranlagten Chefs aber gezwungen wurden sie einzusetzen, können wieder Hoffnung schöpfen, dass sie wie früher ungestört Quellcode produzieren können, den außer ihnen kein Mensch versteht. Doch zu Sarkasmus gibt es natürlich keinen Grund. Der Trend scheint tatsächlich in die Richtung zu gehen, dass dynamische Sprachen in Zukunft einen größeren Stellenwert erhalten. Wer auf der BASTA! 2006 in Mainz die Keynote von Jason Zander verfolgt hat, konnte staunend miterleben, wie der eigens aus Redmond angereiste General Manager für das .NET Framework 3.0 kleine WPF-Beispiele mit Microsofts IronPython auf den Bildschirm zauberte. Sie werden daher in Zukunft des Öfteren im dot.net magazin über die neue Generation an Programmiersprachen lesen. Den Auftakt macht eine detaillierte Übersicht von Wilco Bauwer, dem „Vater“ (Wilco ist erst 21 Jahre alt) von Iron Ruby for .NET.
Schauen Sie sich die neuen Sprachen einmal an. Zum einen könnten sie wirklich Vorteile und neue Anregungen liefern, zum anderen wäre es die Gelegenheit, sich als Programmierer ein neues Image zuzulegen und von Ihren Kollegen endlich jene Anerkennung zu erhalten, die Sie sich schon immer gewünscht haben. Schreiben Sie mir, was Sie von diesem dynamischen Trend halten und ob wir auf der nächsten BASTA! einen Bodybuilding-Wettbewerb durchführen sollten.

Viel Spaß bei der eisenharten Vorbereitung wünscht Ihnen
Ihr Peter Monadjemi
Chefredakteur des dot.net magazin


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