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dot.net magazin - Editorial 9.2006

Sommerloch á la Microsoft
Auf nichts kann man sich heutzutage mehr verlassen. Früher gab es wenigstens noch einen deutschen Sommer – sprich eine kurzzeitige meteorologische Erscheinung, die die übliche Schlechtwetterperiode unterbrach. Heute fühlt man sich im Sommer in die Grenzregionen der Sahara versetzt. Ein anständiges Sommerloch mit den typischen Meldungen über Baggerseekaimane, Krokodile im Rhein oder Politikeraffären gibt es auch nicht mehr. Dafür sorgt jetzt die Bundesregierung mit der größten Steuererhöhung der Nachkriegszeit, die FIFA, die mit einem Sporttunier halb Deutschland in ein fahnenschwenkendes Meer der Glückseeligkeit verwandelte, und natürlich Microsoft, das knapp sechs Monate nach der offiziellen Auslieferung des .NET Framework 2.0 eine Version 3.0 aus dem Hut zauberte.
Der Grund für die plötzliche Namensänderung: Viele Entwickler hatten nie so ganz verstanden, was sich hinter WinFX verbirgt, sodass es ratsam erschien, die auf dem .NET Framework 2.0 basierende Erweiterung gleich in .NET Framework 3.0 umzubenennen. Die neue Formel lautet daher (bis auf weiteres): .NET Framework 3.0 = CLR 2.0 + .NET Base Class Library 2.0 + WPF (vormalsAvalon) + WCF (vormals Indigo) + WF (vormals WFW) + CardSpaces Foundation (vormals InfoCard). Konsolidierung ist immer gut und wenn Dinge einfacher werden, habe ich nichts dagegen. Microsoft hat mit der Namensänderung eine virtuelle Notbremse gezogen, denn die Idee einer "Managed API" als Nachfolger für die Win32-API, für die WinFX bei ihrer Ankündigung auf der PDC 2003 stand, musste man irgendwann 2004 begraben. Und da das Fundament von WinFX schon immer das .NET Framework war, ist eine solche Namenszusammenführung mehr als sinnvoll. Klar, dass dies einige Entwickler für eine dumme Idee halten, und klar ist auch, dass damit die Verwirrungsperiode noch nicht vorüber ist.
Nächstes Jahr kommen mit LINQ, einer neuen Version von ADO.NET (zurzeit "ADO.NET vNext"), C# 3.0 und VB 9.0 neue Mitglieder der .NET-Familie hinzu, sodass Microsoft erneut vor der kniffligen Entscheidung steht, wie es die nächste Version nennen soll: 3.5 (klingt immer komisch), 4.0 (wäre ein zu großer Sprung), "The Framework fomerly known as .NET" (das hat schon einmal jemanden die Karriere gekostet) oder, um endlich Java zu übertrumpfen, 6.0 (danach ist bei Microsoft oft Schluss).
Es spricht einiges dafür, dass ein ".NET Framwork vNext" noch auf der CLR 2.0 basieren wird, denn eine neue Version der CLR soll es (das hat auch Microsoft-Entwickler Brad Adams in seinem Blog angedeutet) so schnell nicht geben. Lassen Sie sich durch die Redmondsche Versionsnummernarithmetik nicht verwirren oder gar frustrieren. Es gibt Wichtigeres. Das .NET Framework wächst und gedeiht, egal in welcher Versionsnummer es gerade vorliegt, und wird sich mit dem kommenden WinFX, pardon .NET 3.0, zu neuen Höhen aufschwingen. Auch in der Java-Welt gibt es ähnliche Ungereimtheiten, etwa wenn ein J2EE SDK 5.0 ein Java 1.5 enthält. Und Java gilt meines Wissens bei seinen Anhängern nach wie vor als die beste Plattform der Welt. Um die Dinge auf den Punkt zu bringen:
  • Die .NET-Klassenbibliothek 3.0 ist eine Version 2.0 ergänzt um neue Klassen zu WPF, WCF, WF und CSF.
  • Die CLR 2.0 wird (aller Voraussicht nach) mindestens für die nächsten vier bis fünf Jahre die Grundlage für alles sein, was zum .NET Framework gehört.
  • WPF wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einer kleinen "Revolution" bei den Benutzeroberflächen führen – das ist eine sehr positive Entwicklung
  • LINQ wird den Daten-Layer revolutionieren.
  • Bei den WinForms wird es so wohl schnell keine grundlegenden Neuerungen geben (angeblich gibt es unter "Visual Studio Orcas" lediglich eine einzige kleine Änderung in diesem Punkt). Es ist fraglich, ob das WinForms-Paket überhaupt noch weiterentwickelt wird und Microsoft nicht schon längst WPF als die Zukunft auserkoren hat.
  • Der Nachfolger von VS 2005 soll lediglich ein kleines Update sein (vergleichbar mit dem Update von VS.NET 2002 und 2003), neue Projektvorlagen anbieten und einen recht komfortablen XAML-Designer vergleichbar dem WinForms-Designer enthalten. Auch soll es komfortable Designer für LINQ geben.
Im Moment liegt über allem noch ein gewisser Dunstkreis, auch wenn es die ersten "Bits" bereits gibt. Was früher einfach Beta-Version hieß, heißt heutzutage "Microsoft Visual Studio Code Name "Orcas” Community Technology Preview – Development Tools for .NET Framework 3.0" (bislang waren eher die Eskimos für lange Namen bekannt) – und steht seit einigen Wochen zum Download bereit. Warten Sie lieber auf die richtige Beta, die spätestens zur BASTA! im September verfügbar sein sollte.
Auch im aktuellen Heft erwarten Sie ein paar Neuerungen (keine Sorge, Namensänderungen gibt es nicht – um die Umbenennung zum "WinFX-Magazin" sind wir noch einmal herumgekommen). Neu sind die VB-Werkstatt, die vor allem jene VB-Entwickler ansprechen soll, die mit der .NET-Entwicklung gerade erst beginnen, und die .NET Open Stage, wo Entwickler ihre Meinung zu einem aktuellen Thema loswerden können.

Viel Spaß mit den Artikeln des Heftes und ein wenig Erholung vom Sommer 2006 wünscht Ihnen,

Peter Monadjemi
Chefredakteur des dot.net magazin


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