|
||
Geheime Tugenden
![]() Von Zeit zu Zeit muss man von lieb gewonnenen Gewohnheiten Abschied nehmen: Die Renten sind nicht mehr so sicher, wie es früher einmal schien, die Nationalmannschaft ist nicht mehr automatisch Titelfavorit bei einer Weltmeisterschaft (wenngleich die gesamte Redaktion fest davon überzeugt ist, dass wir im Sommer im Viertelfinale 3:2 in der Verlängerung gegen England gewinnen werden – diese Editorial entstand übrigens bereits vor dem Spiel gegen die USA) und Microsoft setzt nicht mehr alles auf .NET, wie es im Rahmen von "We bet the company on .NET" vor nicht allzu langer Zeit in Aussicht gestellt wurde. Betrachtet man einige Indikatoren aus der jüngsten Zeit, könnte man sogar den gegenteiligen Eindruck gewinnen.
Da wäre zum Beispiel das Ergebnis einer Art Untersuchung, die ein gewisser Dr. Richard Grimes jüngst auf seiner Homepage veröffentlicht hat (www.grimes.demon.co.uk/dotnet/vistaAndDotnet.htm). Er kommt zu dem Schluss, dass das kommende Windows Vista praktisch keinen Managed Code enthalten wird und schon gar nicht, wie das vor Jahren einmal angedacht war, auf Managed Code basieren wird. Dr. Grimes ist ein erfahrener C++-Entwickler, COM- und .NET-Spezialist, sodass er mit Sicherheit weiß, über was er spricht. Liest man seine Ausführungen, könnte man in der Tat den Eindruck gewinnen, als hätte Microsoft das Interesse an .NET verloren und nur noch keine Zeit gefunden, es der Öffentlichkeit mitzuteilen. Der Umstand, dass praktisch kein einziges der kommerziellen wichtigen Microsoft-Produkte eine .NET-Zukunft hat, es auch außerhalb von Microsoft vielleicht nur etwa ein Dutzend bedeutender Anwendungen weltweit gibt, die auf .NET basieren, spricht auf den ersten Blick wirklich nicht dafür, dass .NET eine große Zukunft haben könnte. Wie sooft liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte: Fakt ist, dass weder beim kommenden Windows Vista noch beim kommenden Office 2007 Managed Code direkt enthalten sein wird (bei Office soll es lediglich einen Loader für VSTO-Assemblies geben). Auch die Vista-Oberfläche basiert nicht etwa auf der WPF (dies hat auch Microsoft nie behauptet, nur hätte man bei "oberflächlicher" Betrachtung diesen Eindruck gewinnen können), sondern lediglich auf einem auf COM basierenden Shell-API. Fakt ist aber auch, das Managed Code im Rahmen der Office-Server-Strategie eine zentrale Rolle spielt. Sämtliche Integrationsszenarien mit Office im Mittelpunkt basieren auf Managed Code, genauso wie aktuelle und kommende Versionen der CRM-/ERP-Produktfamilie Dynamics. Vergessen werden dürfen auch nicht die unzähligen Unternehmensanwendungen, die vor allem hier in Deutschland in den letzten Jahren entstanden sind. Und da wäre noch WinFX, das in den kommenden Jahren das neue Fundament für Unternehmensanwendungen sein wird. Das Fazit lautet, dass .NET bei Unternehmensanwendungen und im "Backoffice" eine zentrale Rolle spielt, und dass dies eine Entwicklung ist, die nicht umkehrbar ist. Gescheitert sind dagegen überambitionierte Projekte und auch das ist für alle Beteiligten im Grunde eine gute Nachricht. Wenn es eine Tugend gibt, die man Microsoft im Allgemeinen nicht zutraut, dann ist es die, dass "Rückwärtskompatibilität" beinahe heilig ist (natürlich gibt es Ausnahmen). Wie lauten auch 2006 die bei Microsoft mit Abstand am meisten eingesetzten Entwicklungswerkzeuge? C++, MFC, ATL und COM. Mag sein, dass .NET in 10 Jahren dazu gehören wird, ganz sicher bin ich mir aber nicht. Ich würde mir nur wünschen, dass ein "We bet the Company on Compatibility" ein wenig öfter kommuniziert werden würde. In dieser Ausgabe des dot.net magazin geht es wieder einmal um Security, allerdings weder mit mahnendem Zeigerfinger noch mit einem "Bei-der-nächsten-Version-wird-alles-besser"-Versprechen. Alles, was vorgestellt wird, ist heute einsetzbar. Besonders ans Herz legen möchte ich die Artikel über das Simple Sandboxing-API von .NET 2.0 – das ist Praxis-Know-how, das Sie in dieser Form woanders nicht finden. Ihr Peter Monadjemi und das Redaktionsteam des dot.net magazin |
||
|